Chronist seiner Zeit
No. 01/2026
Nicht „entweder oder“, sondern „sowohl als auch“ ist das Prinzip von Joachim Giesel, der seine Umwelt analog und digital, schwarzweiß und farbig festhält: Menschen und ihre gestalteten Landschaften, einzeln und in Gruppen, als Auftragsarbeit und aus künstlerischer Eigeninitiative, als Einzelbild und Serie, veröffentlicht in Zeitschriften und Publikationen.

Joachim Giesel, Travestieshow Madame Chatou, aus: Der Mensch in der Gruppe, 1978, © Joachim Giesel
Der 1940 in Breslau geborene Giesel fand in Hannover seine Heimat, wo er 1965 nach bestandener Meisterprüfung sein eigenes Atelier eröffnete. Neben Aufträgen für Werbung, Mode, Reportage und das Niedersächsische Staatstheater widmete er sich früh fotokünstlerischen Arbeiten, noch bevor Fotografie als Kunstform anerkannt wurde. 1972 gründete er mit Kollegen die „spectrum Photogalerie“ als Forum für 88 Ausstellungen und entwickelte selbst seine Deutschlandbilder, über die Grenzen der BRD hinaus.
Im Mittelpunkt steht stets der Mensch: sein Wesen, seine Zugehörigkeit, sein Lebensraum – ob als Rädchen im Massentourismus auf Mallorca, am Todesstreifen zwischen Ost und West „Kurz vor der Schmerzgrenze“, wie der Stern 1983 titelte, am Fahrbahnrand der Trauerkolonne von Benno Ohnesorg 1967 durch die DDR, beim Seniorenschwimmen, im Kloster, im Krankenhaus oder auf Tour mit der Pariser Travestieshow von Madame Chatou mit Station in Hannover. Natürlich aufgenommen im Moment, aber in seiner menschlichen Tiefe von Dauer, was Joachim Giesel dadurch erreicht, dass er die Gruppenporträts nicht selbst arrangiert, sondern entstehen lässt. af
Menschenbilder – Zeitgeschichte Der Fotograf Joachim Giesel 14. Mai bis 14. Juni 2026 Galerie für Fotografie, Hannover 8.Januar bis 3. August 2027 Photobastei, Zürich Katalog Hirmer Verlag € 50,–
