Zwei Künstler, drei Städte
Canalettos und Bellottos Blicke auf Venedig, London und Wien
No. 01/2026
Das Kunsthistorische Museum in Wien bietet derzeit die einmalige Gelegenheit, die herrlichen Stadtansichten der beiden venezianischen Maler Giovanni Antonio Canal (1697–1768) und seines Neffen und Schülers Bernardo Bellotto (1721–1780) im Dialog miteinander zu vergleichen.

Bernardo Bellotto, Wien, vom Belvedere aus gesehen, 1759/60, Kunsthistorisches Museum, Wien © KHM-Museumsverband
Der Onkel nannte sich Canaletto und auch Bellotto führte zeitweise diesen Namen seines berühmten Oheims, um die Verwandtschaftsbeziehungen zu betonen, aber auch um vom Ruhm seines Lehrers zu profitieren. Beide haben in ihrer Heimatstadt und anderen Städten Italiens gewirkt, Canal darüber hinaus zehn Jahre in England, Bellotto hingegen in den wichtigsten Kunstzentren Mitteleuropas, nämlich in Dresden, Wien, München und Warschau.
Venedig galt im 18. Jahrhundert neben Rom als das attraktivste Ziel der Kavaliersreisen der europäischen Oberschicht, vor allem englischer Aristokraten, aber auch von Adligen und Gelehrten anderer Länder. Sie alle wollten Andenken an die Lagunenstadt erwerben, sodass die Auftragslage von Onkel und Neffen, die sich auf gemalte Stadtansichten spezialisiert hatten, hervorragend war. In der Folge entfaltete sich dieses Genre zu großer Blüte.
Giovanni Antonio Canal ging bei seinem Vater in die Lehre, der als Bühnenmaler tätig war. Er selbst verband in seinen Venedig-Ansichten topografische Treue mit lebendiger Wiedergabe von Licht und Atmosphäre in einer leuchtenden Farbpalette. Er erfasste die Schönheit der Architektur ebenso wie er die exakte Wiedergabe der Perspektive meisterte. Waren in der „Serenissima“ englische Lords seine besten Käufer, so lag es nahe, seiner zahlungskräftigen Kundschaft nach England zu folgen, wo er von 1746 bis 1755 zehn äußerst produktive Jahre verbrachte. Seine heiteren Darstellungen von London von der Themse aus gesehen, von der City, Westminster und Greenwich, entsprachen dem Geschmack seiner Käufer, zumal er ihnen schmeichelte, dass London so schön wie Venedig sei – einschließlich des Wetters, denn stets scheint auf seinen Werken die Sonne.
Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, hingegen fand 1747 eine Stelle als sächsischer Hofmaler in Dresden. Seine ikonischen Veduten von Elbflorenz dienen bis heute dem Stadtmarketing, die Ansicht der Altstadt vom anderen Ufer des Flusses heißt bis in die Gegenwart „Canaletto-Blick“. Er inszenierte die Elbe als eine Art sächsischen Canale Grande. Unterbrochen von ertragreichen Aufenthalten in Wien und München wirkte Bellotto 20 Jahre in der sächsischen Residenzstadt. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Fülle Wiener Darstellungen, von Schloss Schönbrunn, dem Park Belvedere mit der vom Stephansdom überragten Altstadt im Hintergrund – dem Wiener „Canaletto-Blick“ – sowie zahlreicher weiterer Motive in der Kaiserstadt und ihrer Umgebung. Bellotto entwickelte zunehmend ein Interesse sowohl für Genreszenen als auch für die Landschaftsmalerei. 1767 übersiedelte er von Dresden nach Warschau, wo er in den Dienst des kunstsinnigen polnischen Königs Stanislaus Poniatowski trat und bis zu seinem Lebensende wirkte. wr
Canaletto & Bellotto Beobachtung und Erfindung in Venedig, London und Wien 24. März bis 6. September 2026 Kunsthistorisches Museum, Wien Katalog zur Ausstellung Text: dt. u. engl. in getrennten Ausgaben Hirmer Verlag € 45,–
