Haare

Körperkult zwischen Emotion und Politik

No. 01/2026

Heute morgen in den Spiegel geschaut? Sitzt die Frisur? Kann ich aus dem Haus gehen? In jedem Fall, so die Antwort aus der Münchner Innenstadt. Denn dort lenkt die Kunsthalle München den subjektiven Blick vom Selbstbild zu Haartrachten, Bärten und Körperbehaarungen aller Art, als Sujet in Gemälden über Skulpturen, Fotografien, Medienkunst und Design hin zu Schmuck, Mode und Möbeln.

Salvador Viniegra y Lasso de la Vega, Der erste Kuss, 1891 © Photographic Archive, Museo Nacional del Prado, Madrid

200 Kunstwerke versammelt die Ausstellung Haar – Macht – Lust querbeet durch die Jahrhunderte von der Antike bis zur Gegenwart und stellt sich dabei den Fragen von Körperlichkeit, Kultur und Identität. Denn Haare vermitteln seit jeher Botschaften: Sie sind Zeichen von Geschlecht und Status, stehen für Schönheit und Eros, korrelieren zwischen Moral und Skandal, symbolisieren Macht und Widerstand oder sind Träger politischer Selbstbestimmung. Und das alles hat seine Zeit. Beginnend mit der gefürchteten Medusa aus der griechischen Mythologie, die sich beim Blick in ihr Spiegelbild mitsamt ihren Schlangenhaaren in Stein verwandelt; die wundersame Ganzkörperbehaarung der Maria Magdalena als Haarkleid in der christlichen Ikonografie; Hyacinthe Rigauds geschminkter Ludwig XIV., dessen Allongeperücke seinen Haarausfall kaschierte und im Barock einen neuen Trend auslöste; Stefan Schwartz’ Kaiserin Elisabeth, ihrem Rang gemäß mit aufwendiger Flechtfrisur, die sie dauerhaft an den Frisiertisch band; Herlinde Koelbls Punk mit pfauenbuntem Irokesenschnitt aus dem Projekt Haare; Robert Longos Zeichnung der Iranerin Mahsa Amini, die ihre vermeintlich unzureichende Verschleierung 2022 mit dem Tod büßte; oder die Fotoserie von Laetitia Ky, die in ihren Selbstporträts ihre Haare um Muskeln und Boxhandschuhe erweitert, denn: „Ich wollte so viel mehr sein als ein hübsches Gesicht. Ich wollte eine treibende Kraft für Veränderungen sein.“

Ob kurz oder lang, glatt oder gewellt, schütter, rasiert oder üppig, gebändigt oder als wilde Löwenmähne – die Bedürfnisse rund ums Haar hat das Handwerk längst erkannt und passende Produkte entwickelt: von der Barttasse mit integrierter Vorrichtung, die beim Trinken vor Nässe schützt, über Objekte wie Kämme, Kästchen und Flakons aus in Naturharz eingelegtem Haar, aus Haaren gesponnene Ohrringe bis hin zur geflochtenen Krawatte – die Geschichten in der Kunsthalle sind definitiv mehr als ein alter Zopf. af

Haar – Macht – Lust
20. März bis 4. Oktober 2026
Kunsthalle München

Katalog zur Ausstellung
Hirmer Verlag € 45,–