Fresko-Kunsträtsel

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No. 02/2021

Es fällt mir schwer, über mich selbst zu reden. Denn bei allen Verfehlungen, die sich auch in meinem, für die damalige Zeit langen Leben unweigerlich anhäuften, zählte Selbstlob nicht dazu. Zeitgenossen haben mich vielmehr als bescheiden, gütig, hilfsbereit und großzügig beschrieben. Dass aus mir, dem Waisenkind, einer der erfolgreichsten Künstler des Landes wurde, ist mir nicht zu Kopf gestiegen, sondern ließ meine Empathie für arme Kinder, die auf sich gestellt waren, umso größer werden. Ich selbst hatte Glück, denn nachdem beide Elternteile innerhalb kurzer Zeit gestorben waren, als ich neun beziehungsweise zehn Jahre alt war, nahm mich meine ältere Schwester, die mit einem wohlsituierten Arzt verheiratet war, liebevoll in ihrem Haushalt auf.

Meine Geburtsstadt, die der Legende nach vom griechischen Helden Herakles gegründet wurde, besaß damals das Monopol über den Handel mit Übersee und ließ Handwerk, Architektur und vor allem die Kunst erblühen. Als ich 31 Jahre alt war und wenige Jahre zuvor meinen Durchbruch als Maler erlebt hatte, kam bei einer Pestepidemie nahezu die Hälfte der Bewohner um, viele verwaiste Kinder blieben allein zurück. Sie lebten auf den Straßen und wurden für mich zu faszinierenden Motiven einiger meiner Bilder. Ich wollte nicht ihre Armut, ihren Schmutz und ihr Elend festhalten, sondern sah in jedem von ihnen das Kostbare und die Schönheit ihrer Seelen. Entgegen der damals üblichen Darstellung von Kindern, die wie Miniaturausgaben von Erwachsenen abgebildet wurden, erschienen sie auf meiner Leinwand, wie ich sie sah: selbstvergessen im Spiel, schelmisch, unverkrampft. Max Emanuel Kurfürst von Bayern gefielen meine Bilder so gut, dass er eines als Grundstock seiner wachsenden Kunstsammlung erwarb. Diese Art der Gemälde, aber vor allem solche mit religiösen Themen machten mich zu einem der erfolgreichsten und bestbezahlten Maler meiner Zeit. Die Nachfrage nach meinen Werken war so groß, dass phasenweise ein Exportverbot für sie verhängt wurde. Meinen Wohlstand teilte ich nicht nur mit meiner Frau und unseren zehn Kindern (von denen ich neun überlebte), sondern spendete das meiste Geld für mildtätige Zwecke. Dies war vermutlich auch der Grund, warum mein Nachlass eher bescheidener Natur war, Geben ist eben seliger als Nehmen – wer bin ich?

Wer bin ich?
Das Kunsträtsel mit Gewinnchancen
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der Hirmer Verlag fünf Bücherpakete im Wert von € 100,-
Einsendungen an: fresko1@hirmerverlag.de
Einsendeschluss am 2. Juli 2021
Auflösung des Kunsträtsels aus Fresko 01/2021:
Meret Oppenheim (1913-1985)