Die Schamanin
Eine Reise in die Mittelsteinzeit
No. 01/2026
Es war ein Sensationsfund: Im Jahr 1934 deckten Bauarbeiter im Kurpark von Bad Dürrenberg zufällig einen Grabkomplex aus dem Mesolithikum auf. Damit erschloss sich ein Kosmos aus der Vergangenheit, der für Mitteleuropa einmalig ist und weltweit nur wenige Parallelen zählt. 2019 wurde der Fall neu aufgerollt. Behutsam durchgeführte Nachgrabungen, ein interdisziplinäres Forschungsteam sowie der Einsatz modernster Techniken erlaubten es, detaillierte Untersuchungen anzustellen. Diese lieferten fundamentale Ergebnisse und zeichneten das lebendige Bild eines Menschen von vor 9000 Jahren, das im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle in der Ausstellung Die Schamanin bis zum 1. November gezeigt wird.

Künstlerische Rekonstruktion der Schamanin von Bad Dürrenberg, ca. 7000 v. Chr., © LDA Sachsen-Anhalt, Zeichnung: Karol Schauer
Skelette und ein beachtliches Inventar an Grabbeigaben ließen bereits darauf schließen, dass hier in Sachsen-Anhalt eine Person bestattet wurde, die in ihrem Lebensumfeld hohes Ansehen genoss. Doch anders als in der NS-Zeit vermutet, handelte es sich nicht um einen weißen Mann, sondern um eine Frau, Genanalysen zufolge mit hellen Augen, dunkler Haut und dunklen Haaren, ohne Verwandtschaftsgrad zum Säugling, der mit im Grab lag. Ihre Besonderheit: eine Fehlbildung an der Schädelbasis und den ersten Halswirbeln. Mit einer entsprechenden Kopfbewegung war sie imstande, ihre Arterie abzuklemmen und sich bewusst in einen Trancezustand zu versetzen, bei dem die Augen zitterten – eine Praxis, die von Schamanen überliefert ist.
Bei dem damals seltenen Bestattungsritual dürften rund 200 Personen anwesend gewesen sein, diese Annahme rührt von den vielen kleinen Messerklingen, die mit einem geschliffenen Steinbeil und tierischen Substanzen ins Grab beigegeben wurden: darunter Werkzeuge aus Tierknochen, mit Löchern versehene Knöchelchen und Großwildzähne, die sich zu einer Kette zusammensetzen lassen, ein Hirschgeweih, Fellreste und Federn für den Kopfschmuck sowie rote Farbpigmente als Schminke für die Körperbemalung.
Die archäologische Spurensuche in steinzeitlichen Weltanschauungen, die Rekonstruktion vom Leben der „Schamanin“ sowie die Einordnung in den internationalen Vergleich ist das Anliegen des Museums, das auf 900 Quadratmetern Fläche sowie im Begleitkatalog (Hirmer Verlag € 35,–) überaus eindrucksvollen Geschichtsstoff präsentiert und mit Animationen aufleben lässt. Neben den eigenen Funden zeigt es Leihgaben aus europaweiten Sammlungen, die von Jägern, Sammlern, Fischern, Bauern und Viehzüchtern, Kunst und Handwerk, Klima und Umwelt erzählen – aus einer Zeit, als noch keine Häuser gebaut wurden. af
Die Schamanin Bis 1. November 2026 Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle Katalog zur Ausstellung Hirmer Verlag € 35,–
