Fresko-Kunsträtsel
No. 01/2026
Wer bin ich?
Meine Familie war ein bunter Strauß an außergewöhnlichen Individuen: darunter ein Erfinder eines physikalischen Gerätes, das die Welt veränderte, ein Fluchthelfer, der seine Courage im KZ mit dem Leben bezahlte, eine der ersten Patientinnen von Sigmund Freud, die in die Geschichte der Psychologie einging, oder meine Urgroßmutter, eine Grande Dame, die im 19. Jahrhundert einen Künstlersalon in ihrem monumentalen Wiener Palais unterhielt, in dem alles, was musisch von Rang und Namen war, ein und aus ging. Man kann nicht sagen, dass meine Biografie dagegen verblasste – auch wenn es mich ein wenig schmerzt, im Netz als „Auszeichnung“ lesen zu müssen, dass in Wien ein Friedhofsweg nach mir benannt wurde. Aber Schwamm drüber, schließlich ist dort ebenso erwähnt, dass anlässlich meines 100. Geburtstages mein Werk mit einer europaweiten Wanderausstellung gewürdigt wurde.
Bereits mit 17 Jahren wurde ich als Malerin von einem der renommiertesten Künstler seiner Zeit gefördert. Ich hatte ihn drei Jahre zuvor in meinem Elternhaus kennengelernt und seine Kunst als Offenbarung für mich entdeckt. Meine Freundin, deren Spitzname in die Kunstgeschichte einging und von mir stammte, wurde übrigens seine zweite Frau. Der Altersunterschied war immens, die Ehe sowie die Freundschaft zu beiden hielt jedoch ein Leben lang. Nach mehreren Ausbildungsstationen in Deutschland kehrte ich nach Wien zurück und zeigte meine Werke in der Frühjahrsausstellung des Wiener Hagenbundes erstmals öffentlich. Unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland floh ich mit meiner Mutter zu Verwandten nach Den Haag. Dort traf ich auch meinen Mentor wieder, der Deutschland nach der Femeausstellung „Entartete Kunst“ verlassen hatte. Meinem Bruder gelang es, mir meine Bilder ins Exil nachzuschicken, dort fand auch meine erste Einzelausstellung statt. Mich zog es weiter nach England, wo ich bis zu meinem Tod lebte. Entgegen vieler Malerkolleginnen, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrer Kunst nicht mehr Fuß fassten, blieb ich meiner Malerei treu. Mein langjähriger Geliebter, ein Literat von Weltrang, bestärkte mich in meinem Selbstverständnis als Künstlerin, sein von mir geschaffenes Porträt hängt in der National Portrait Gallery in London – wer bin ich?
Wer bin ich? Das Kunsträtsel mit Gewinnchancen Unter den richtigen Einsendungen verlost der Hirmer Verlag fünf Bücherpakete im Wert von € 100,–. Einsendungen an: fresko1@hirmerverlag.de Einsendeschluss am 25. April 2026 Auflösung des Kunsträtsels aus Fresko 02/2025: Leo von Klenze (1784–1864)