Pointillismus

Mit dem Punkt in die Moderne

No. 03/2016

In gewohnter Weise bietet die Albertina in Wien auch im Kunstherbst 2016 wieder ein Ausstellungs-Highlight, das opulenten Augenschmaus und kunsthistorische Gelehrsamkeit auf allerhöchstem Niveau glückhaft vereint. Diesmal werden die Künstler des Pointillismus vorgestellt und solche, die sich mit dieser wegweisenden Kunstrichtung auseinandergesetzt haben.

Achille Laugé, Madame Astre, 1892, Musée des Beaux-Arts, Carcassonne

Achille Laugé, Madame Astre, 1892, Musée des Beaux-Arts, Carcassonne

Das von den Impressionisten wie Monet und Renoir angewandte Verfahren, relativ reine Farben in kurzen Strichen nebeneinander aufzutragen, um einen beabsichtigten frischen Farbton erst durch optische Mischung im Auge des Betrachters zu erzielen, erhoben Georges Seurat und sein Wegbegleiter Paul Signac ab etwa 1886 zum strengen Prinzip. Sie trugen ausschließlich gleich große, in dichter Folge gesetzte Punkte ungebrochener Farbe auf die Leinwand auf, was zur Bezeichnung dieser Methode als Pointillismus führte. Gestützt auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse der Farbtheorie und Optik wollten sie dem älteren „romantischen“ Impressionismus einen neuen, exakten „wissenschaftlichen“ sogenannten Neoimpressionismus entgegensetzen. Mit nur wenigen Werken gab der 1891 erst 31-jährig verstorbene Seurat eine neue Richtung vor. Vincent van Gogh erfuhr durch die neue Malweise 1887 die entscheidende Aufhellung seiner zuvor düsteren Farbpalette. Sein Spätwerk trug aber auch dazu bei, dass die Maler der Moderne den Pointillismus fortentwickelten und schließlich überwanden. Die Künstler des Pointillismus richteten ihr Streben nicht mehr ausschließlich auf die Nachahmung der Natur. Vielmehr schufen sie autonome Meisterwerke der Malerei von bis dahin nie gesehener Strahlkraft, Helligkeit und Farbenvielfalt. Ihre Kritiker warfen ihnen jedoch vor, dass die Bilder zu stark konstruiert seien und dadurch erstarrt und leblos wirkten.

Die Ausstellung vereint über 100 ausgewählte, hochkarätige Werke, außer von den erwähnten Künstlern u.a. von Pissaro, Matisse, Picasso, Schmidt-Rottluff, Mondrian und Klee. Der zeitliche Rahmen reicht von den 1880er bis hin zu den 1930er Jahren. Neben Ikonen der Malerei van Goghs faszinieren die kräftigen Farben der Fauves, die dekorativ gesetzten Punkte Picassos und die abstrahierenden Werke Mondrians. Das sehr attraktive Begleitbuch zur Ausstellung illustriert neben den gezeigten Werken auch Schlüsselwerke aus Museen, die nicht Teil der Schau sind und bietet damit einen umfassenden Überblick über die bahnbrechende Punktmalerei und ihre Rezeption, einer Methode, die, wie die Ausstellung eindrucksvoll belegt, für die klassische Moderne besonders fruchtbar war. wr

9783777426365_3dnSeurat, Signac, Van Gogh. Wege des Pointillismus
Bis 8. Januar 2017 Albertina, Wien 
Hrsg. von Klaus Albrecht Schröder 
Katalog zur Ausstellung Hirmer Verlag € 34,90

Englische Ausgabe
WAYS OF POINTILLISM. Seurat, Signac, Van Gogh
Hrsg. von Klaus Albrecht Schröder
Hirmer Verlag 28,00 £