Fresko-Kunsträtsel

No. 03/2013

WER BIN ICH?

Eines Tages ließ der Hofarchitekt meine gesamten verbliebenen Pläne und Zeichnungen auf einen Wagen laden und vor die Stadttore bringen, um sie dort zu verbrennen. Was für ein Schauspiel! Und was für ein nutzloses Unterfangen, denn meinen Ruf als genialer Architekt und „Meister des inszenierten Wohnens“ konnte er damit nicht zerstören. Dem Herrn Kollegen kann es hierbei nicht um die Diffamierung meiner Person gegangen sein, denn er wurde 16 Jahre nach meinem Tod geboren, so dass wir uns nie persönlich begegneten. Vielmehr brachte er mit seiner Tat seine abgrundtiefe Abneigung gegen all das zum Ausdruck, was meine Werke repräsentierten. Ich hätte vermutlich nicht viel dazu gesagt. Und das Wenige nicht in deutscher Sprache, die ich nie zu gebrauchen pflegte, obwohl ich fast 50 Jahre meines Lebens in München verbrachte.

Als „sehr sanft und gesetzt“, beschrieb mich eine mir zugetane Dame, und meine beiden Ehefrauen hätten dies sicherlich bestätigt. Mit meiner ersten Frau verbrachte ich 23 glückliche Jahre, sie schenkte mir neun Kinder. Fünf Jahre nach ihrem Tod heiratete ich erneut. Zu diesem Zeitpunkt war ich für die damaligen Verhältnisse bereits ein alter Mann, heute würde man mich als „Best Ager“ bezeichnen. Mit meiner jungen Frau, de- ren Vater, sogar Großvater ich hätte sein können, hatte ich fünf weitere Kinder.

Bezüglich meiner eigenen Herkunft war ich mir nicht so sicher. Es wurde gemunkelt, ich sei ein illegitimer Sohn eines Hochadeligen. Dieser nahm sich früh meiner an, erkannte mein Genie und ließ mir eine fundierte Ausbildung im In- und Ausland angedeihen. Ich wurde der unumstrittene Meister meines Faches und erhielt Aufträge allerhöchsten Niveaus. Meine Entwürfe waren nicht nur von einzigartiger Pracht und Eleganz, sondern bestachen auch durch ihre Raffinesse im Detail. So versetzte eine Küche, die ich in einem kleinen Jagdschloss einbauen ließ, die Hausherrin – immerhin die Tochter eines Kaisers – derartig in Verzückung, dass sie von Zeit zu Zeit ihre Bediensteten wegschickte und selbst darin kleine Gerichte zubereitete.

Eines der Gebäude, die noch heute mit meinem Namen in Verbindung gebracht werden, entstand, nachdem eine verheerende Feuersbrunst in München gewütet hatte. Vielleicht hätte ich, als der zornige Kollege meine Entwürfe in die Flammen warf, doch leise geschmunzelt, sanft und gesetzt. Schließlich verdanke ich dem Feuer einiges.

Wer bin ich?

– Wer bin ich? –

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Auflösung des Kunsträtsels aus Fresko 04/2013: Franz Ignaz Günther (1725 – 1775)