Ise Gropius
Chronistin des Bauhauses
No. 02/2026
Ise Gropius (1897–1983) war die Ehefrau von Walter Gropius, dem Gründer und ersten Direktor des Bauhauses. Von 1. September 1924 bis 13. März 1928 führte sie regelmäßig Tagebuch. Die Aufzeichnungen, verfasst in der typischen Kleinschreibung des Bauhauses, zählen zu den wichtigen Quellen der Zeitgeschichte.
Zusammen mit ihrer Schwester saß Ise, damals noch geborene Frank, am 28. Mai 1923 im Provinzialmuseum in Hannover in der ersten Reihe eines Vortrags, den ihr künftiger Ehemann Walter Gropius (1883–1969) hielt. Mit diesem Tag nahm ihr Leben eine Wendung. Im Juli löste sie ihre Verlobung mit einem anderen Mann, im August zog sie zu Gropius nach Weimar um, im Oktober heiratete das Paar im Beisein der Trauzeugen Paul Klee und Wassily Kandinsky.
Ein knappes Jahr später wurde sie zu einer wichtigen Chronistin, die auch den Umzug des Bauhauses nach Dessau beschrieb, der am 1. April 1925 in die Annalen einging – an diesem Datum jedoch keinen Eintrag fand. Zwei Wochen zuvor überschlugen sich die Ereignisse, wie die Notizen am Beispiel Paul Klee zeigen: 13. März: „Klee scheint es vom Schicksal abhängig machen zu wollen, ob er mitkommt nach Dessau oder nicht. Frankfurt bietet ihm ein Atelier und Gehalt, ohne Lehrerverpflichtung.“ 24. März: „Klee hat sich immer noch nicht entschieden.“ 28. März: „Klee hat sich endgültig zu Dessau entschlossen. Alle sind tief befriedigt von diesem Ergebnis.“ 30. März: „Abreise nach Dessau. Wohnungssuche und Besprechungen wegen der Einrichtungen der Werkstätten in den Fabrikräumen der Firma Seiler. Besichtigung der Holzindustrie; ein Riesenwerk mit ausgezeichneter Organisation. Breuer bekommt wahrscheinlich einige Maschinen von dort. Bis auf die Wohnungsschwierigkeiten erscheint alles sehr günstig. Abends mit Grote, Heine und Facius zusammen.“ 31. März: „Alle Werkstättenleiter zur Besprechung in Dessau. Alle brennen darauf anzufangen.“
Drei Jahre später, im April 1928 trat Walter Gropius als Direktor des Bauhauses zurück. Das Paar zog daraufhin nach Berlin, emigrierte 1934 nach England und 1937 in die USA. Ise Gropius betreute zeitlebens das Archiv ihres Mannes und war ab 1960 am Bauhaus-Archiv beteiligt. Den Gehalt ihrer eigenen Aufzeichnungen beschrieb sie so: „Meine Notizen, die ich schnell nach einem ermüdenden Arbeitstag hinwarf, berichten nur über die Dinge, die ich gewahr wurde durch eigene Beobachtung und die Mitteilungen meines Mannes und schließen zum großen Teil mehr intime, private und Familienangelegenheiten aus.“ af
Ise Gropius. Tagebuch 1924-28 Eine Bauhaus Chronik 344 Seiten, 79 Abbildungen Hirmer Verlag € 40,-