Fluchtpunkt Paris

Fotografie zwischen Aufbruch und Exil

No. 02/2026

Nach dem Ersten Weltkrieg etablierte sich Paris mehr denn je als pulsierendes Zentrum der Avantgarde. Kunst- und Kulturschaffende aus ganz Europa zog es in die französische Metropole, die wie kaum ein anderer Ort für kulturellen Aufbruch und künstlerische Freiheit stand – und für manche zum Fluchtpunkt vor dem NS-Regime wurde. Zu ihnen gehörten drei außergewöhnliche Fotografinnen jüdischer Herkunft: Gisèle Freund, Rogi André und Dora Kallmus, die unter dem Namen Madame d’Ora bekannt wurde.

Die drei Fotografinnen entwickelten sehr unterschiedliche Bildsprachen. Gisèle Freund profilierte sich mit eindringlichen Porträts von Schriftstellern und Intellektuellen sowie sozialkritischen Reportagen, Rogi André schuf einfühlsame Künstlerporträts von großer Ruhe und formaler Klarheit. Madame d’Ora machte sich zunächst mit eleganten Mode-, Gesellschafts- und Porträtaufnahmen einen Namen. Gemeinsam stehen die drei Fotografinnen für verschiedene Formen weiblicher Selbstbestimmung in einem damals von Männern dominierten Berufsfeld.

Mit der deutschen Besatzung Frankreichs änderte sich Anfang der 1940er Jahre ihr Leben dramatisch: Freund, André und Madame d’Ora waren zunehmend von Verfolgung und Deportation bedroht, Flucht und Exil bestimmten fortan ihre Lebenswege. Auf unterschiedlichen, oft verschlungenen Wegen fanden sie später nach Paris zurück. Die Erfahrungen von Vertreibung und Neuanfang hinterließen tiefe Spuren – in ihren Biografien ebenso wie in ihrem fotografischen Werk, nachvollziehbar am Beispiel Madame d’Ora. Nach 1945 veränderte sie ihre Bildsprache radikal: Sie fotografierte Geflüchtete in österreichischen Lagern sowie Schlachthöfe in Paris und schuf dabei Aufnahmen von großer Intensität und Schonungslosigkeit.

Die Ausstellung wie auch der reich bebilderte Katalog zeichnen außergewöhnliche Lebensgeschichten nach und illustrieren sie mit einer eindrucksvollen Auswahl ihrer Fotografien. Sie erzählen von künstlerischer Innovation, Emanzipation, Eleganz und gesellschaftlichem Engagement ebenso wie von Verfolgung, Mut und Überlebenswillen. Gleich ob in Bilddokumenten des glanzvollen Paris der Avantgarde oder in Aufnahmen von den Erschütterungen des Zweiten Weltkriegs – es wird offenbar, wie die drei Künstlerinnen die Fotografie nachhaltig prägten. cv

Fluchtpunkt Paris
Gisèle Freund – Rogi André – Madame d’Ora
15. Oktober bis 7. Februar 2027
LVR-Landesmuseum Bonn

Katalog zur Ausstellung
Hirmer Verlag € 50,–


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