Fresko-Kunsträtsel

Wer bin ich?

Kritiker, die meine frühen Bilder sahen, sprachen von mir als einem „erschreckend frühreifen, düsteren Wunderkind“. Im Nachhinein hört sich das wenig schmeichelhaft an, es waren jedoch wohlmeinende Äußerungen, die mein außergewöhnliches Talent sowie die erstaunliche Reife der Bildinhalte im Verhältnis zu meinem jugendlichen Alter hervorhoben. Mit 14 Jahren besuchte ich bereits die Kunstakademie, unterhielt ein Jahr später mein erstes eigenes Atelier und stellte fest – da war ich noch keine 20 Jahre alt –, dass das Korsett der Akademie für einen Freigeist wie mich viel zu eng geschnürt war. Zum Ärger meiner Eltern, die gern in ihrem begabten Sohn einen gutbezahlten Gesellschaftsmaler gesehen hätten, zog ich es vor, mich in der damaligen Hauptstadt der Kunst niederzulassen. Dort lebte ich inmitten einer Künstlerclique, in einer Gegend, die mich nachts nie ohne Pistole aus dem Haus gehen ließ, und in einem baufälligen Haus, das so flach und schäbig aussah wie die Boote auf dem Fluss, auf denen die Wäsche gewaschen wurde.

In meinem Atelier schuf ich ein Gemälde, das mit seiner ganz neuen Formensprache für die Kunst zum Schlüsselwerk wurde. Als ich meinen Freunden das fertige Bild zeigte, wandten sie sich irritiert ab, und der eine oder andere nahm vermutlich an, es sei im Opiumrausch entstanden. Dabei ließ ich seit Jahren – und im Übrigen für immer – die Hände davon. Meine Kreativität sprudelte auch ohne Drogen unaufhörlich bis ins hohe Alter. In meinem Nachlass fand man rund 200 Gemälde, die ich allein in meinen letzten beiden Lebensjahren geschaffen hatte.

Für Verblüffung habe ich immer wieder gesorgt, vor allem bei der Kunstkritik: Hatte diese sich auf einen meiner  Stile eingestellt, konfrontierte ich die Welt mit Werken ganz anderer Art. Ich malte, zeichnete, illustrierte Bücher, schuf Collagen, Skulpturen und entdeckte im reifen Alter auch das Töpferhandwerk als Ausdrucksmittel. Vergangenheit interessierte mich nicht, immer lebte ich im Augenblick. Sowohl in Bezug auf meine Kunst als auch – ich muss es gestehen – auf die wunderbaren Frauen, die mich durch mein Leben begleiteten. Neigte sich eine Beziehung dem Ende entgegen, hielt ich nicht daran fest, sondern wandte meinen Blick nach vorne, einer neuen Liebe entgegen, die mich inspirierte. So war ich eben. Ich habe nie gesucht, sondern immer gefunden. Wer bin ich?

Wer bin ich?
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Auflösung des Kunsträtsels aus Fresko 03/2017: Marthe Donas (1885–1967)