Die Reparatur der Welt
Wie man die Gegenwart verändert
No. 02/2026
„Ginge die Kunst in die Wirklichkeit, wäre für den Krieg Platz im Museum“ – dieser Satz von Egon Bahr fasst zusammen, worum es dem Jüdischen Museum Berlin zu seinem 25. Jubiläum geht. In ihrer Ausstellung Das Gegenteil von Jetzt. Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart richten die Kuratorinnen Julia Friedrich und Shelley Harten ihren Blick nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft.

Chto Delat International, A Comprehensive Self-Organized Amateur Expedition in Search of Losses and Discoveries, 2026
In der Schau begeben sich zwölf jüdische und nichtjüdische Künstler*innen anhand von Leitfragen aus der jüdischen Tradition wie Tikkun Olam (Reparatur der Welt) und Teschuwa (Umkehr) auf die Suche nach neuen Chancen. Dabei entstehen Utopien, wie etwa der Komponist Ari Benjamin Meyers eindrücklich vor Augen führt. In seinem Chor der Zeitastronauten sind alle Mitglieder – mit Ausnahme von ihm selbst – über 90 Jahre alt und an einen echten Gesellschaftsvertrag nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch gebunden. Dieser sieht während der Laufzeit monatliche Proben vor, danach jährliche Treffen – bis kein Mitglied mehr lebt oder Meyers stirbt. Das hohe Alter der Teilnehmenden wird so zu einer Zeitreise, das Museum zum Proberaum.
Auch Yael Bartana denkt in kosmischen Dimensionen und knüpft mit einem „Generation Ship“ an die jüdische Mystik an, der zufolge Zeit sich nicht geradlinig, sondern kreisförmig vollzieht: Für The Birds baute sie ein Raumschiff-Modell, dessen zehn Decks von der „Zentrale“ bis zum Posten „Recycling“ den zehn Sefirot der Kabbala folgen.
Alona Rodeh wiederum verknüpft in ihrer Installation Above and Beyond optische und akkustische Reize. Eine Pappnachbildung der Klagemauer in den monumentalen Ausmaßen von 4,80 Meter Höhe auf 9,06 Meter Breite taucht aus dem Nebel auf und gewinnt im Spot des Diskolichts zunehmend Form, begleitet von menschlicher Körperperkussion wie Pfeifen, Händeklatschen und Füße stampfen. Die Schriftstellerin und Kuratorin Tal Sterngast setzt Rodehs Arbeit wiederum in den Kontext des Sechstagekriegs und verweist auf einen bissigen Leserbrief von Jeschajahu Leibowitz aus dem Jahr 1967, in dem er vorschlug, den Platz vor der Kotel als „Göttliche Disko“ umzugestalten. Auch die übrigen neun Positionen der Ausstellung zeigen: Es braucht keine gemeinsame Antwort auf die Frage nach einer anderen Gegenwart – nur die Bereitschaft, gemeinsam neue Fragen zu stellen. la
Das Gegenteil von Jetzt Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart Bis 10. Januar 2027 Jüdisches Museum, Berlin Katalog zur Ausstellung Sprache: Deutsch/Englisch Hirmer Verlag € 45,–
