Maria Magdalena
Von der Jüngerin Jesu zur Büßerin mit Daunenjacke
No. 02/2026
Die wohl schillerndste Frauengestalt des Neuen Testaments ist Maria Magdalena. In den vier Evangelien wird allerdings nur wenig über sie berichtet. Demnach ist sie eine frühe Anhängerin Jesu sowie Zeugin seiner Kreuzigung und Auferstehung. Vieles, was mit ihr in Verbindung gebracht wird, sind spätere Legenden, Mythen und Erzählungen aus dem Mittelalter bis hin zur Gegenwart. Eine erste Schau über Maria Magdalena im deutschsprachigen Raum versammelt Kunstwerke zahlreicher bedeutender europäischer Künstler, sie gleicht einer Zeitreise durch fast tausend Jahre europäischer Kunstgeschichte.

Girolamo Di Benvenuto, Kreuztragung, Kreuzigung und Beweinung, 16. Jh., Städel Museum, Frankfurt am Main
Die aktuelle Sonderausstellung im Städel Museum in Frankfurt am Main vereint etwa 100 Gemälde und Skulpturen in zehn Sektionen, in denen die Heilige als asketische Büßerin, als laszive Prostituierte oder als Ikone des Feminismus auftritt. Ältestes Exponat ist ein Elfenbeintäfelchen aus Salerno von etwa 1100, jüngstes ein Porträt der Heiligen, das die 1996 geborene spanische Künstlerin Nieves González 2025 malte. Es sorgte auf sozialen Medien für Furore. Mit der Darstellung der Heiligen mit gelockten, langen blonden Haaren und ihrem Attribut als Büßerin, einem Totenschädel, folgt González der katholischen ikonografischen Tradition, die sich von Tizian, El Greco und der spanischen und italienischen Barockmalerei herleitet. Allerdings trägt die Büßerin eine Daunenjacke, also ein typisches Kleidungsstück der Gegenwart, dessen rote Farbe sinnbildlich für Liebe oder auch für Sünde stehen kann.
Man nimmt an, dass Maria aus Magdala stammte, einer Stadt in Galiläa am See Genezareth. Im Laufe der Jahrhunderte hat die Figur vielfältige Wandlungen erfahren. Von der im Neuen Testament bezeugten Jüngerin Jesu und ersten Verkünderin seiner Auferstehung wurde sie in der Barockmalerei zur von Christus begnadigten, erotisch aufgeladenen, halbnackten Sünderin uminterpretiert. Auf Max Beckmanns Gemälde Christus und die Sünderin, entstanden im Jahr 1917, also während des Ersten Weltkrieges, kniet Magdalena zu Füßen Jesu inmitten einer bedrohlichen Soldateska, die wohl dem blutigen Kriegsgeschehen geschuldet ist.
In der Popkultur und der feministischen Theologie erscheint sie als emanzipierte und starke Frauenfigur. Während Maria in der christlichen Theologie die Mutterrolle Jesu zufällt, hat man bei Magdalena immer wieder spekuliert, sie sei seine Partnerin gewesen und habe eine Liebesbeziehung zu ihm unterhalten. Dan Brown vertritt in seinem Bestseller The Da Vinci Code von 2003 gar die These einer gemeinsamen Tochter namens Sarah. Dieses vermutete intime Verhältnis zu Jesus macht sie einzigartig. In der Ausstellung läuft ein Musikvideo von Lady Gaga von 2011, das sie als junge Liebende zeigt, die zwischen Jesus und dem Verräter Judas hin- und hergerissen ist. wr
Maria Magdalena Sin. Pray. Love. Bis 17. Januar 2027 Städel Museum, Frankfurt a. M. Katalog zur Ausstellung Hirmer Verlag € 55,–
