Fresko-Kunsträtsel

No. 02/2026

Wer bin ich?

Von einer klassischen Künstlerinnenlaufbahn kann bei mir wahrlich keine Rede sein. Bevor ich den Pinsel zu meinem wichtigsten Werkzeug machte, verdiente ich meinen Lebensunterhalt als Wäscherin, Näherin, Kellnerin und Zirkusartistin, bis ein Sturz vom Trapez meinem Leben eine unerwartete Wendung gab. Fortan stand ich den bedeutendsten Malern von Montmartre Modell. Während sie glaubten, mich zu betrachten, beobachtete ich sie. Ich studierte ihre Techniken, ihre Farben, ihre Kompositionen und griff schließlich selbst zum Zeichenstift. Einer von ihnen war Edgar Degas, der mich ermutigte, meinen eigenen künstlerischen Weg zu verfolgen. Dass ausgerechnet eine Frau ohne akademische Ausbildung die Chuzpe hatte, ihre Lehrer zu porträtieren, sorgte durchaus für Verwunderung. Lange sprach man lieber über die Bilder, auf denen ich zu sehen war, als über jene, die ich selbst schuf. Während viele meiner männlichen Kollegen Frauen idealisierten, zeigte ich sie in meinen Bildern so, wie ich sie sah: kraftvoll, selbstbewusst, verletzlich und fern jeder Idealisierung. Ich malte weibliche Akte aus einer Perspektive, die bis dahin fast ausschließlich Männern vorbehalten gewesen war.

Auch mein Privatleben wich von den bürgerlichen Erwartungen meiner Zeit erheblich ab. Ich wurde jung Mutter; wer der leibliche Vater meines Sohnes war, bleibt mein Geheimnis. Aus meinem Jungen wurde später selbst ein Maler von Weltrang – bekannt wurde er unter einem Namen, den er dem Mann, einem befreundeten katalanischen Malerkollegen, verdankte, der ihn als seinen Sohn anerkannte. Zeitweise lebten wir mit meinem mehr als zwanzig Jahre jüngeren Geliebten unter einem Dach. Später heirateten wir – und so bekam mein Sohn einen Stiefvater, der zwei Jahre jünger war als er selbst. Sogar im unkonventionellen Künstlermilieu von Montmartre sorgte diese Konstellation für Gesprächsstoff.

Lange wurde mein Werk im Schatten berühmter Künstler gesehen, für die ich einst Modell gestanden hatte, heute gilt es als eigenständig und wegweisend. Erst im 21. Jahrhundert widmeten mir große Museen auf beiden Seiten des Atlantiks umfangreiche Retrospektiven und rückten mich endgültig an den Platz in der Kunstgeschichte, der mir längst gebührte. Wer bin ich?

Wer bin ich?
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Einsendeschluss am 7. November 2026

Auf‌lösung des Kunsträtsels aus Fresko 01/2026:
Marie-Louise von Motesiczky (1906–1996)

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