Bonjour, je suis Leonor
Zurück ins Rampenlicht – die Künstlerin Leonor Fini
No. 02/2026
Mit der ersten großen Retrospektive in Deutschland würdigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt Leonor Fini als eine der außergewöhnlichsten und eigenwilligsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Ihr facettenreiches Werk umfasst Malerei, Zeichnung, Buchillustration, Bühnenbild und Kostümdesign und lädt zur Wiederentdeckung einer Künstlerin ein, deren Werk heute aktueller erscheint denn je.

Leonor Fini, Le Bout Du Monde (Das Ende der Welt), 1948, Privatsammlung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Foto: Galerie Minsky, Paris
In Buenos Aires geboren und im kosmopolitischen Triest aufgewachsen, gelangte Leonor Fini (1907–1996) nach Paris, ins Zentrum der europäischen Avantgarde. Dort verkehrte sie im Kreis von Kunstschaffenden und Intellektuellen wie Max Ernst, Salvador Dalí, Man Ray und Meret Oppenheim. Als eine der wenigen Künstlerinnen, die an den wichtigsten Surrealisten-Ausstellungen teilnahm, blieb sie jedoch künstlerisch unabhängig und lehnte die dogmatischen Strukturen der Gruppe um André Breton ab: „Mir gefiel nicht, wie alle Breton behandelten. Ich hasste seine homophoben und misogynen Einstellungen. Die Frauen schienen dazu verdammt zu sein, während der Café-Diskussionen still zu sein, aber ich fühlte mich genauso fähig wie die Männer.“
Fini entwickelte aus der intensiven Auseinandersetzung mit den Alten Meistern, der Renaissance, dem Symbolismus, der deutschen Romantik und dem magischen Realismus ihre unverwechselbare Bildsprache. Ihre Werke entführen in eine Welt zwischen Traum und Mythos, Theater und Maskerade. Priesterinnen, Sphingen, androgyne Wesen und selbstbewusste Frauen bevölkern ihre Gemälde und stellen tradierte Vorstellungen von Macht, Geschlecht und Identität auf den Kopf. Mit großer Virtuosität entwarf sie Gegenwelten, in denen Verwandlung, Freiheit und Selbstbestimmung zentrale Motive sind. Zugleich machte Fini ihr eigenes Leben zur Inszenierung: Als glamouröse, unabhängige Persönlichkeit verwischte sie bewusst die Grenzen zwischen Kunst und Existenz.
Die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Musée d’Art Moderne de Paris entstanden ist, versammelt rund 100 Werke aus sechs Jahrzehnten und stellt Leonor Fini als visionäre Bildschöpferin, kompromisslose Individualistin und eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Moderne vor. cv
Leonor Fini 23. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027 Schirn Kunsthalle, Frankfurt a. M. Katalog zur Ausstellung deutsche und englische Ausgabe Hirmer Verlag € 50,–