Der kühle Blick

60 Jahre internationaler Fotorealismus

No. 01/2026

Über 90 Meisterwerke aus hochkarätigen internationalen Sammlungen und Museen stehen im Fokus einer Ausstellung, die den Fotorealismus von den 1960er Jahren bis heute feiert. Rund 32 Künstler*innen nehmen uns mit in die Motivwelt der chromblitzenden Motorräder und Cadillacs, der Konformität von bürgerlichen Vorstadtgärten, der Straßenansichten und Schnellrestaurants mit ihren grellen Reklametafeln und knallbunten Süßigkeiten. Hier wird das banale Alltagsleben zur hyperrealistischen Bilderwelt.

Alexandra Averbach, Aurora, 2025, Plus One Gallery, London
© Alexandra Averbach, courtesy Plus One Gallery, London, Foto: Plus One Gallery, London

Ab Mitte der 1960er Jahre ließ eine neue Generation von Künstler*innen wie Robert Bechtle, Richard Estes, Ralph Goings und Audrey Flack den Abstrakten Expressionismus und Minimalismus hinter sich und widmete sich einer neu definierten, gegenständlichen Malerei, dem Fotorealismus. Bechtle erinnerte sich: „Viele von uns kamen für sich persönlich zu dem Schluss, dass die Wege, die damals in der Malerei beschritten wurden, für uns mehr oder weniger versperrt waren. Es waren zu viele Leute vor uns da gewesen, und allzu vieles war vorhersehbar. Der Realismus wurde zu einer Möglichkeit, dem zu entkommen, weil man nicht das Gefühl hatte, dass dort schon alle Pionierarbeit getan war. Das klingt merkwürdig, weil der Realismus so traditionell scheint. Doch bei genauerem Nachdenken wird klar, dass das eigentlich Traditionelle inzwischen die Moderne ist, die es seit bald einhundert Jahren gibt.“

Die Fotorealisten wandten sich gegen die individuelle Pinselhandschrift und gegen das Malen als Selbstausdruck. Neben der traditionellen Technik mit Pinsel und Öl- oder Acrylfarbe verwendeten sie häufig Sprühpistolen, wodurch das Element des persönlichen künstlerischen Stils noch weiter in den Hintergrund gestellt werden konnte. Als Bildvorlagen dienten ihnen neben Fotografien auch Werbebroschüren, Reklame oder Postkarten, die sie bis ins kleinste Bilddetail möglichst illusionistisch wiedergeben wollten. Auch wenn in fotorealistischen Gemälden oft der Eindruck von Räumlichkeit erweckt wird, brachten viele Künstler*innen die Flächigkeit besonders zur Geltung, die sich aus der Übertragung fotografischer Vorlagen ergab. Der Blick auf die Wirklichkeit bleibt in fotorealistischen Bildern distanziert und kühl – wie durch den Filter einer Kamera gesehen. cv

Wettstreit mit der Wirklichkeit
60 Jahre Fotorealismus
Bis 2. August 2026
Museum Frieder Burda, Baden-Baden

Katalog zur Ausstellung
Hirmer Verlag € 50,–


 

 

 

 

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